Wie die Kuh ein Kalb bekommt
Geburtsbegin
Ihr wollt es also genau wissen, also gut. Wenn die Geburt anfängt, wird die Kuh unruhig. Die Fruchtblase kommt als erstes zum Vorschein. Hier links könnt Ihr sehen, dass die Fruchtblase bereits geplatzt ist. Jetzt sieht man noch die Fussblase. Die sollte nicht geöffnet werden, denn sie weitet den Geburtsweg für das Kalb. Die Kuh hat nun schon kräftige Presswehen. Das ist alles im Prinzip genau wie bei den Menschen. Im Normalfall können die Tiere das ganz alleine. Wenn ich die Geburt aber unterstütze, verbessere ich für das Kalb seinen Lebensstart und der Kuh erleichtert es die Geburt, wenn man das sanft macht.
Rechts im Bild sieht man, dass nun auch die Fussblase geplatzt ist. Ich habe die Geburtsstricke, so heißen die Leinen, die eine Schlaufe am breiten Ende und Knoten zum Greifen haben, um die Mittelhand, also das Vorderbein, des Kalbes gelegt. Da das Kalb ganz glitschig vom Fruchtwasser ist, würde man ansonsten immer abrutschen. Nun ist auch der Kopf schon durch das Becken der Kuh gerutscht.
Die Füsse sind da
Das Kalb kommt
Das Schwerste hat sie schon hinter sich. Jetzt hat das Kalb nur noch wenige Augenblicke Zeit, bis es seinen ersten Atemzug machen muss. Die Nabelschnur wird nämlich so stark gequetscht, dass kein Blut und somit auch kein Sauerstoff mehr hindurchfließen kann. Kommt ein Kalb mit den Hinterbeinen zuerst, dann besteht die Gefahr, dass es im Fruchtwasser, noch in der Kuh ertrinkt. Dann muss alles gut vorbereitet sein, damit die Geburt ganz schnell gehen kann.
Diese Kuh, sie heißt "Schwate", hat schon fünf Kälber zuvor geboren. Trotzdem ist sie so aufgeregt, dass sie sich nicht hinlegen wollte. Oft legen sich die Kühe während der Geburt hin. Das ist für das Kalb natürlich besser, weil es nicht aus 1,20m Höhe auf die Erde fällt. Bin ich dabei, dann wird hinter dem Tier ordentlich Stroh verteilt. Ausserdem halte ich den Kopf unter dem Hals des Kalbes fest. So wie auf dem Bild rechts.
Und flutsch...
Uha ist das hell und kalt
Nun ist das Neugeborene da. Jetzt müssen wir sehen, dass es fit wird. Als erstes wird der Schleim aus den Nasenlöchern gestreift. Dafür zieht man mit der Hand fest von den Augen über den Nasenrücken bis zu dem Flötzmaul, so nennt man die feuchte Rindernase. Ist der Atemweg frei, wird das Kalb am Brustkorb ordentlich mit Stroh abgerieben. Durch die kräftige Massage kommt der Kreislauf in Gang. Das Neugeborene fängt an zu atmen. Ist der Mensch nicht dabei, macht die Mutter das selbst, in dem sie ihr Kälbchen ganz wild abschleckt. Erwischt sie den Schwanz, meint man fast, sie würde es auffressen, aber das tut sie natürlich nicht.
Hebt das Kälbchen den Kopf, ist alles in Ordnung. Nun muss noch der Nabel ausgestreift werden. Beim Menschen wird er durchgetrennt und abgebunden. Das ist beim Rind etwas anders. Der Nabel hat eine Sollrißstelle. Dicht am Bauch des Kalbes reißt er ab. Aber drum herum ist sozusagen ein Mantel und der ist meistens 10 bis 20cm lang. Manchmal kann man beobachten, wie die Mutter den Nabel regelrecht auslutscht. Auf dem Bild rechts streife ich den Nabel gerade aus.
Nabelpflege
Transport
Auf diese Weise kommt alle Flüssigkeit heraus, und der Nabel kann schnell abtrocknen und sich somit schließen. So ist eine "Infektionspforte" geschlossen. Es können keine Krankheitserreger mehr in den Körper eintreten. Dann wird er noch desinfiziert. Nun kann das Kleine endlich zu seiner Mama. Hier könnt Ihr sehen, wie ein Kalb, das noch nicht laufen kann, transportiert, also gezogen wird. Der Kopf wird zwischen die Vorderbeine gelegt und die Füße überkreuzt.
So kann man es leicht ziehen. Nun bekommt die Mutter noch warmes Wasser zu trinken. Nach der Entbindung haben die Mütter sehr großen Durst. Oft trinken sie dann 2 bis 3 Eimer Wasser mit einem Zuge aus. Das sind sage und schreibe 30l. Hier schlickt die Kuh ihr Kalb bis es trocken ist. Dabei muht sie es unablässig an. Mal laut, mal ganz leise. Das ist die "Mutter-Kind Prägungsphase". Das Kalb lernt die Stimme seiner Mutter kennen. Und die Mutter nimmt den Geruch ihres Kindes auf. Später wird das Kalb seine Mutter unter hunderten von anderen Kühen erkennen können, selbst, wenn es sie nicht sehen kann, weil es ja ihre Stimme kennt.
Mutterliebe
"Mmmm lecker!"
Auf dem Bild links frisst die Kuh gerade ihre eigene Nachgeburt auf. Das sind die Häute, in denen das Kalb herangewachsen ist. Es war das Verbindungsstück zwischen Mutter und Kind während der Schwangerschaft. Denn beide hatten einen eigenen Blutkreislauf. In der ersten halben Stunde nach der Geburt sollte auch die Nachgeburt "abgegangen" sein, sonst muss man die Kuh behandeln. Das Nachgeburtfressen haben unsere Haustiere eigentlich nicht mehr nötig, aber wir versuchen die Tiere so natürlich wie es uns möglich ist zu halten. In der Natur wäre die Nachgeburt nämlich für die Feinde der Rinder eine Menükarte. Das bedeutet ja, dass da noch ein hilfloses Neugeborenes in der Nähe ist. Außerdem enthält die Nachgeburt viele wertvolle Stoffe. Das ist das einzige Mal, wo ein Wiederkäuer Fleisch frisst.
Ist alles in Ordnung, macht das Kälbchen gleich seine ersten Aufstehversuche. Schon in seiner ersten Lebensstunde kann es stackselig laufen. Es sucht nach dem Euter, der Milchquelle. Sein Instinkt, das ist das angeborene Wissen, etwas was man nicht lernen muss, sagt ihm: "Suche im dunklen Winkel." Wenn es vorne sucht, schiebt die Mutter es sanft nach hinten. Sie hilft auch bei den ersten Aufstehversuchen, indem sie das Kalb stützt. Leider gibt es Kühe, die viel zu aufgeregt sind und nur Chaos verbreiten. Da muss man schon aufpassen, dass sie ihr eigenes Kalb nicht verletzt, indem sie darauf tritt.
Nuckelsuche
Das ist wirklich lecker!
Nun hat "Max", so haben wir dieses Bullkalb getauft, die Zitze gefunden. Es ist wichtig, dass das Neugeborene gleich in der ersten Stunde mindestens einen Liter Kollostralmilch bekommt, das ist die erste Milch die eine Mutter nach der Geburt gibt. Bei den Tieren nennt man das Biestmilch. Da das Baby, wie Ihr ja schon gelesen habt, in der Gebärmutter einen eigenen Blutkreislauf hat, hat es auch noch keine Abwehrstoffe von der Mutter bekommen. Die Abwehrstoffe wehren Krankheiten ab. Das ist wie beim Impfen, nur auf natürliche Weise.
Über die Biestmilch kann die Mutter ihrem Kind also die Abwehrstoffe geben. Wird ein Kind zu früh geboren, gibt sie weniger, aber dafür konzentriertere Milch. Immer gerade so wie das Kind es braucht. Nur in den ersten Lebensstunden kann die Darmwand des Kindes diese besonderen Eiweissverbindungen aufnehmen. Weil das so ist, werden nach den ersten Stunden nach der Geburt, die Abwehrstoffe in der Milch auch weniger. Das Kalb könnte sie eh nicht mehr aufnehmen. Ist das Kalb zu schwach, um selbst zu nuckeln, melken wir die Kuh und geben die aufgewärmte Milch mit der Nuckelflasche.
Du sollst nicht melken...
Müde und geschafft
Nun haben sie es geschafft, die gefährlichsten Stunden der Schwangerschaft und dem Lebensbeginn sind gemeistert. Da haben sich beide eine Pause verdient.
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